Du statt Sie – Chancen und Risiken der Duz-Kultur

„Chef, kannst Du mir mal eben helfen?“ In immer mehr Unternehmen wird dieser Umgangston zum Standard. Damit reiht sich das Siezen nahtlos in den Wegfall traditioneller Verhaltensregeln ein, der schon vor einigen Jahren mit dem Aussetzen der Krawattenpflicht begann. Beim schwedischen Möbelkonzern Ikea gehört das „Du“ auf allen Ebenen schon seit Jahren zur Unternehmenskultur. Wir zeigen Ihnen, in welchen deutschen Unternehmen schon heute alle Mitarbeiter per Du sind – und wann der lockere Umgang zur Gefahr werden kann.
 

Flache Hierarchien als Markenzeichen der Startups

Insbesondere in Startups gehört der lockere Umgang und das kollegiale „Du“ untereinander so fest zur Unternehmenskultur wie wohl nirgendwo anders. Hier kann es auch schon mal vorkommen, dass der Chef mit einem Skateboard ins Büro gefahren kommt. Laut des „Deutschen Startup Monitors 2017“ vom Bundesverband Deutscher Startups besitzen knapp drei Viertel der deutschen Startups lediglich eine oder zwei Hierarchieebenen. Die Studie aus dem Vorjahr zeigt zudem, dass in nahezu allen Gründerfirmen Kapuzenpullover erlaubt sind.

Duzen liegt im Trend

Doch nicht nur die jungen Unternehmer verwenden inflationär das „Du“. Selbst die Bundeskanzlerin ließ sich 2016 von fünf Ministern aus ihrer Partei duzen. Aus dem aktuellen Kabinett ist darüber noch nichts bekannt. Auch in großen und traditionsreichen Unternehmen ist es zu einem Umdenken in Sachen Anrede gekommen. Bei der Otto-Group fällt dieser Ansatz unter das Projekt „Kulturwandel 4.0“. Vor knapp zwei Jahren bot der damalige Chef Hans-Otto Schrader seinen rund 53.000 Mitarbeitern an, ihn zu duzen und mit seinem Spitznamen „Hos“ anzusprechen. Ein Muss war dies allerdings nicht. Auch in anderen Unternehmen steht das „Du“ stellvertretend für die neue Unternehmenskultur. Nur kurze Zeit nach Schrader verkündete auch Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem Lidl gehört, das unternehmensinterne „Du“. Laut einer aktuellen, bevölkerungsrepräsentativen Umfrage der ManpowerGroup hat sich bereits in jedem fünften Unternehmen eine Duz-Kultur etabliert. 

„Du“ als Umsatzmotor

Angelehnt an den Umgangston aus dem Englischen, wo es schon auf rein sprachlicher Ebene keine Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“ gibt, soll das Duzen das „Wir“-Gefühl stärken. Außerdem wollen sich die Unternehmen besonders jungen Bewerbern gegenüber öffnen und eine moderne Philosophie nach außen tragen. Das „Du“ soll Barrieren einreißen und zu Synergien zwischen den Mitarbeitern führen. Es ermöglicht Zusammenarbeit auf Augenhöhe. „Das Du bricht Eis“, sagt auch Eugenia Kirchmeer, die bei Otto die Unternehmenskommunikation verantwortet. Von der neuen Unternehmenskultur erhoffen sich die Chefs letztendlich auch höheren wirtschaftlichen Erfolg. 

Wenn das „Du“ zur Gefahr wird

Doch nicht in allen Lebenslagen – beruflichen wie privaten – ist das „Du“ angebracht. Der Journalist Holger Fuß bezeichnete es gar als „Tyrannei der Nähe“. In bestimmten Gesprächen bedarf es einer gewissen Distanz zwischen Vorgesetzten und Angestellten, beispielsweise während einer Gehaltsverhandlung oder eines Kündigungsgesprächs. Wenn in diesen Fällen das „Du“ nicht zur wirklichen Vertraulichkeit zwischen den beiden Parteien passt, kann es hier zu unangenehmen Schwierigkeiten kommen. Außerdem fürchten einige Vorgesetzte einen Autoritätsverlust. Auch empfinden viele das „Sie“ als angenehmer, da sie Privates und Berufliches trennen möchten. „Die Anrede muss zur Unternehmenskultur passen“, sagt auch Arbeitspsychologe Prof. Dr. Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie und mahnt zur Vorsicht: „Eines sollte man stets bedenken: Ist einmal das Duzen eingeführt, kann man dies schwer wieder zurücknehmen.“