Industrie 4.0 - Teil 3: Sicht der Facharbeiter

Fabrik-Chefs schwärmen von vernetzten Maschinen, Werkzeugen und Stoffen, die ganz selbstständig miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten. Viele Arbeitnehmer fragen sich angesichts dieser Vorstellung: „Was wird aus dem Mensch, was verändert sich für mich beruflich im Zeitalter von Industrie 4.0?“ Wir wagen einen Blick durch die Facharbeiterbrille.

 

Experis Industrie 4.0

Ein Artikel von Ron Meyknecht

 

Beim Thema Arbeitsplatzsicherheit herrscht Uneinigkeit: Es gibt Untersuchungen, die sagen, dass durch den Einsatz von Robotern jeder zweite Arbeitsplatz wegfällt. Allerdings lässt sich diese Prognose für die USA nicht unbedingt auf Deutschland übertragen. Es gibt nämlich auch die Gegenmeinung, Industrie 4.0 ist eher Jobmotor als Jobkiller. Fast 400.000 neue Arbeitsplätze könnten entstehen, hat die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einer Studie ermittelt.

Industrie 4.0 aus Sicht der Mitarbeiter

Abseits von Horrorszenario und Hype bietet die vierte industrielle Revolution Arbeitnehmern einige spannende Aussichten. Viele Tätigkeiten entwickeln sich in Richtung mehr Verantwortung und weniger Routine. Wo früher der richtige Handgriff im Fokus stand, organisiert und steuert der Facharbeiter 4.0 einen ganzen Produktionsprozess. In der Industrie-4.0-Arbeitswelt organisieren sich Beschäftigte in kleinen Teams selbst. Das macht den Arbeitsalltag abwechslungsreicher. Die Produktionsarbeit wird aufgewertet.

 

Mehr Selbstorganisation bedeutet mehr Flexibilität. Industrie-4.0-Arbeitgeber werden dadurch stärker auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer in Richtung ihres Arbeitszeitmanagement eingehen. Der Geschäftsführer weiß, hier entscheidet sich, ob ein Unternehmen die guten Leute für sich gewinnen kann.

 

Produktions- und Wissensarbeiter rücken näher zusammen. Der Facharbeiter in der Herstellung wird künftig viel häufiger mit den Kollegen in der Produktentwicklung zusammenarbeiten. Sein Wissen über die Abläufe in der Produktion ist gefragter denn je.

 

Pluspunkt für die „Erfahrenen“ unter den Facharbeitern. Sie werden im 4.0-Betrieb keinesfalls zum „alten Eisen" gehören. Industrie 4.0 fördert Diversity und Inklusion. Abläufe können besser auf die Möglichkeiten der Belegschaft abgestimmt werden. Kraft und schnelle Routinehandgriffe übernehmen die Maschinen. Erfahrung und Fachwissen können sie aber nicht ersetzen.

Weiterbildung ist der Königsweg in die Smart Factory

Auch für normal ausgebildete Arbeitskräfte bietet Industrie 4.0 Potential. Der Umgang mit Maschinen wird einfacher. Damit sinken die Hürden für weniger Qualifizierte. Die Beschäftigten werden beispielsweise via Augmented Reality in den Fertigungsprozess eingebunden. Wie das funktioniert, zeigt ein vielgeklicktes Video von SAP. Hier wird deutlich: Es gibt nicht mehr den Spezialfacharbeiter, der nur auf dieser Maschine und in dieser Abteilung eingesetzt werden kann. Stattdessen arbeiten die Mitarbeiter projektbezogen. Sie wechseln je nach Bedarf und werden so durchgängig gebraucht. Statt einer langwierigen Umschulung, benötigen sie kleinere Trainings, vor allem in IT-Kenntnissen.

 

Arbeitgeber haben damit eine Verantwortung, ihre Beschäftigten für die kommenden Aufgaben im Industrie-4.0-Zeitalter zu qualifizieren. Umgekehrt müssen die Arbeitnehmer bereit sind, Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass die Facharbeiter bald alle wieder für länger die Schulbank drücken. Die elementaren Anforderungen bleiben. Laut Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. müssen für die Vernetzung der Industrie vorerst keine neuen Berufsbilder entwickelt werden. Die Fachkräfte werden vielmehr durch gezielte Weiterbildung für Industrie-4.0 fit gemacht.

Fabrik 4.0 ist nicht menschenleer

Das bedeutet, dass die Personen in den digitalen 4.0.-Werkhallen arbeiten, künftig besser qualifiziert sein werden als heute. Damit machen sie sich unentbehrlich. Denn eines sollte man sich klarmachen: Wichtige Entscheidungen im Produktionsprozess treffen weiterhin die Menschen und nicht die Maschine allein.

Euphorie oder Angst – Was dominiert bei Ihnen, wenn Sie an Industrie 4.0 denken?