Umziehen für den Job - Was tun gegen berufliches Sitzfleisch?

Umziehen der Liebe wegen. Neun von zehn Befragten einer Umfrage würden es machen, 47 Prozent würden sogar ins Ausland ziehen. Das haben Friendscout24 und das Marktforschungsinstitut Innofact ermittelt. Von solchen Zahlen können Arbeitsagenturen nur träumen.

Beim Thema Jobs sind Europäer echte Reisemuffel. Nur ein Prozent zieht jedes Jahr für eine neue Stelle um, zitiert die Süddeutsche Zeitung eine Studie. Auch die generelle Bereitschaft für einen Ortswechsel ist mau. Nur acht Prozent der Deutschen würden für einen Job innerhalb der gesamten Republik umziehen. 75 Prozent schließen einen Umzug ins Ausland aus beruflichen Gründen kategorisch aus, so eine Untersuchung des Online-Netzwerks Xing.

 

Globale Unterschiede in Sachen Heimatverbundenheit

 

Angesichts einer Zahl von mehr als 800.000 Langzeitarbeitslosen (Stand Juli 2015) ist die geringe Mobilität ein Weckruf. Woran liegt es, dass wir Deutschen beruflich so unflexibel sind? Schließlich geht es darum, die finanzielle Existenz zu sichern und wieder am Arbeitsleben teilzunehmen. Klar, Freunde und Familie für eine neue Arbeit zurückzulassen ist ein bedeutender Schritt. Da überlegt man genau, wofür man das gewohnte Umfeld aufgibt. Wenn die einzig passende Stelle dann auch noch im Ausland liegt, wird es noch schwieriger. Eine neue Sprache lernen und sich an lokale Gepflogenheiten gewöhnen ist für viele eine unzumutbare Hürde. Nicht zu unterschätzen sind zudem die Kosten für Fahrten zu Bewerbungsgesprächen, Umzugskosten und eine eventuelle Jobsuche des Partners.

 

Alles gut und schön. Fragt sich nur, warum reisen beispielsweise Nordamerikaner und Australier häufiger einem neuen Job hinterher als Menschen in Europa? Die Bereitschaft ist in den USA dreimal so groß. Auch sie haben Partner und Freunde und den Umzug gibt es auch dort nicht zum Nulltarif. Okay, die Sprachbarrieren fallen häufiger weg. Wer in den USA und Australien lebt, muss für einen neuen Job selten gleich das Land verlassen. Dafür sind die Staaten zu riesig. Dennoch: Auch innerhalb Deutschlands sind weniger Arbeitssuchende bereit, 1.000 Kilometer von Flensburg nach Passau zu ziehen als Australier 3.000 Kilometer von Darwin nach Adelaide. Die durchschnittliche Schmerzgrenze für den beruflichen Aktionsradius liegt hierzulande bei rund 200 Kilometern um den aktuellen Wohnort herum, zeigt die Xing-Studie.

 

Beihilfe zum Umziehen

 

Also was wirkt in Übersee besser gegen berufliches Sitzfleisch als bei uns? In den USA wird beispielsweise die Mobilität der Arbeitnehmer stärker gefördert. Städte in Amerika setzen deshalb vor allem bei den Kosten an. Sie honorieren Beweglichkeit mit einem Bonus. Jeder Arbeitsuchende, der einen Umzug auf sich nimmt, erhält einen Zuschuss.

 

Eigentlich keine Zauberei. Diese Form von Beilhilfe zum Umziehen gibt es auch in Deutschland. Bis 2008 hieß sie Umzugskostenbeihilfe, nun spricht man von Vermittlungsbudget. Jobagenturen zahlen die Fahrt zum Bewerbungsgespräch auch wenn dies nicht in der Heimatstadt ist. Wer fündig wird, dem bezahlen viele Ämter den Umzug sowie einen Teil der Miete für eine mögliche Zweitwohnung. Der Haken an der Sache: Kaum einer kennt die staatliche Förderungsmaßnahme. Die Arbeitsagenturen rühren nicht aktiv die Werbetrommel für die Unterstützung. Weitere Informationen können Sie auf der Homepage der Bundesagentur für Arbeit nachlesen.

 

Die Folge: Weniger als zwei Prozent der Arbeitsuchenden nutzen die staatliche Mobilitätsförderung, zeigt eine Untersuchung des Instituts Zukunft der Arbeit (IZA). Schade eigentlich. Das Instrument ist nämlich äußerst wirksam. Programmteilnehmer verdienen häufig mehr als im letzten Job, so das IZA. Zudem dauern die Arbeitsverhältnisse länger, und die Beschäftigungsrate ist 24 Monate nach Umzug signifikant gestiegen.

 

Job als große Liebe

 

Vielleicht trägt dieser Blogartikel dazu bei, dass mehr Arbeitsuchende auf die Unterstützung aufmerksam werden. Also teilen Sie ihn gerne in Ihrem Netzwerk. Außerdem würden wir gerne wissen: Welche Anreize sollten Jobsuchenden geboten werden, damit mehr Menschen für den Job umziehen - und nicht nur der Liebe wegen?